Mit neun Jahren war sie die Stimme des Schweinchens namens Babe. Heute sitzt Synchronsprecherin Anne Helm für die Piratenpartei in der Bezirksverordneten-Versammlung von Berlin-Neukölln.

Mit 26 Jahren wurde sie jetzt als Direktkandidatin für den Bundestag nominiert. Sie singt in einer Hardrockband und wirbt offen für die Freigabe von Hanf. Die Berliner Morgenpost sprach mit ihr über Feminismus, Sexismus und Mackerkämpfe in der Piratenpartei.

Berliner Morgenpost: Frau Helm, wie oft werden Sie noch an Schweinchen Babe erinnert?

Anne Helm: Die Frage kommt immer mal wieder. Als Jugendliche war es für mich sehr schwierig, immer nur mit Babe in Verbindung gebracht zu werden. Heute freue ich mich darauf, angesprochen zu werden. Es ist ja auch ein schöner Film.

Und Sie waren damals in Berlin ein bisschen berühmt.

Stimmt. Ich durfte mich 1995 als Neunjährige ins Ehrenbuch der Stadt eintragen und war zweimal bei Stern TV mit Günther Jauch.

Jetzt wollen Sie für die Piratenpartei in die große Politik. Hört man Ihre Stimme bald nur noch im Bundestag?

Ich spreche immer noch in großen Filmen. Von der Politik kann ich nicht leben, das ist ehrenamtlich. Aber mein Lebensmittelpunkt ist immer mehr das politische Engagement.

Warum sind Sie bei den Piraten gelandet?

Die professionelle Politik war für mich nie eine Option. Bis die Piraten auftauchten. Ich fand die Partei motivierend, das Lebensgefühl von Sharing und Austausch. Die Idee, neue Partizipationskonzepte wie LiquidFeedback auszuprobieren. Ich wollte eine Bewegung mitgestalten.

Heute stecken die Piraten im Umfragetief. Ist die Bewegung schon am Ende?

Nein. Unsere inhaltliche Entwicklung ist gut, die strukturelle Entwicklung nicht. Wir wollen Basisdemokratie, keine Delegierten und keinen Vorstand, der den Kurs vorgibt. Aber wir haben noch kein alternatives System, das stattdessen funktioniert. Als wir plötzlich 30.000 Mitglieder hatten, gab es Mackerkämpfe an der Spitze, das ist problematisch.

Fehlt den Piraten politische Kompetenz?

Ein bisschen Inkompetenz hätte man uns verziehen, wenn wir dabei sympathisch gewesen wären. Aber wenn man das nicht ist, sind die Vorschusslorbeeren schnell verspielt.

Sind Sie mit 26 Jahren nicht zu jung für den Bundestag?

Manche Politiker versuchen mir subtil das Gefühl zu geben, ich sei zu jung. Das ist der Neid, weil wir die Jugend erreichen. Die Mehrheit befürwortet es, wenn sich junge Menschen engagieren. Dafür bekomme ich häufiger zu hören, dass ich keine Ausbildung und kein Studium abgeschlossen habe.

Haben Sie keine Angst, im Bundestag Ihr Profil zu verlieren?

Das Verantwortungsgefühl und der Anspruch, für einen Teil der Bevölkerung zu sprechen, wachsen. Das ist ein großer Stressfaktor, der einen verändern kann. Aber das muss nicht negativ sein. Ich will Denkanstöße geben. Dinge, die als alternativlos gelten, hinterfragen und Alternativen anbieten.

Verschwenden die Piraten zu viel Zeit auf Twitter?

Mir hat Twitter schon viele Vorteile gebracht. Ich nutze es für politische Diskussionen mit Politikern, mit denen ich inhaltlich Welten auseinander liege, mit denen ich einfach mal ein bisschen rumdiskutieren, Argumente austauschen kann. Außerdem vernetze ich mich auf Twitter mit Gruppen von Aktivisten wie den europaweit demonstrierenden Flüchtlingen oder der feministischen Szene.

Bezeichnen Sie sich als Feministin?

Heute ja. Früher klang der Begriff für mich zu negativ, aber jetzt bestimme ich selbst, was Feminismus für mich ist und was nicht.

Haben Sie auch unter dem Hashtag #Aufschrei über Sexismus getwittert?

Ich erlebe Sexismus immer wieder im Berufsalltag. Das ist für mich eine der schlimmsten Formen. Diese Erfahrungen habe ich geteilt.

Was sind das für Erfahrungen?

Wenn ich meinem Regisseur sage, dass ich nicht "meine Süße" genannt werden will, bin ich gleich eine Emanze, die ihre Tage hat. In Internetforen werde ich als Hure bezeichnet, wenn ich mich öffentlich zur Gleichberechtigung von Geschlechtern äußere. Es geht schnell unter die Gürtellinie. Auf dieser Ebene will ich mich nicht unterhalten. Ich will meine Arbeit machen, und ich mache meine Arbeit gut.

Mit welchen Themen ziehen Sie in den Wahlkampf?

In Südneukölln plane ich einen antifaschistischen Wahlkampf. Dort haben wir große Probleme mit Rechtsextremen, die Anwohner bedrohen, Anschläge auf Bibliotheken und politische Einrichtungen verüben. Diese Situation ist nicht akzeptabel. Es fehlt die Solidarität der Behörden, die Menschen fühlen sich allein gelassen. In Nordneukölln wird es vor allem um Bürgerbeteiligung, die Regulierung der Mietenpolitik und den Erhalt von öffentlichen Freiräumen gehen.