Ian "Lemmy" Kilmister, schwarzer Kavallerie-Cowboy-Hut, schwarzes Hemd, weiße Stiefel, empfängt den Besucher in seiner gemütlichen Garderobe - Sofa, Glücksspielautomat, zwei Flaschen goldfarbener Bourbon. Ein fester Händedruck.

Lemmy spricht Englisch, kann aber auch ein paar deutsche Wörter, "Scheißewelt" zum Beispiel. Freundlich bietet der 66-Jährige einen Drink an. Felix Mescoli trank mit dem Sänger von Motörhead eine Whiskey-Cola.

Lemmy Kilmister: Eis finden Sie in der Kühlbox. Wenn Sie auf meinen Rat hören, nehmen Sie zwei Plastikbecher. Die brechen sehr leicht und dann haben Sie alles im Schritt.

Berliner Morgenpost: Vielen Dank, Prost. Ich habe Ihnen eine Kleinigkeit mitgebracht, eine Elvis-Presley-Box. Die Song-Versionen der ursprünglichen Interpreten wie Big Boy Crudup oder Big Mama Thornton sind ebenfalls enthalten. Ich dachte, das könnte Sie vielleicht interessieren.

Oh, danke schön. Die meisten Originale kenne ich, wie es aussieht.

Dass Elvis Songs von Grace Kelly oder Glenn Miller gesungen hat, war mir neu.

Sie sind auch zwei Generationen jünger als ich. Ich dagegen erinnere mich noch daran, wie Elvis' erste Platte herauskam.

Wurden Sie zum Rock 'n' Roll bekehrt?

Davor hatten wir zwar Bill Haley. Aber er war ein kleiner dicker Mann, der schreckliche Tartan-Jacketts trug. Haley hat gute Musik gemacht, aber irgendwie war es nicht das Wahre. Dann kamen Elvis - so wolltest du aussehen - und Little Richard - so wolltest du singen.

Ein schwuler Schwarzer mit Pompadour-Frisur in den amerikanischen Südstaaten der Fünfzigerjahre. Ist es nicht ein Wunder, dass Little Richard überhaupt mit dem Leben davongekommen ist?

Er ist in Macon, Georgia, mit schmalem Menjou-Bärtchen und einem verdammten roten Kleid aufgetreten. Alle haben ihn ,dummes Ding' genannt und (mit nasaler Stimme) ,Uuh' gemacht. Das war unerhört. Später ist er dann fromm geworden. Eines Tages auf Tour in Australien hat er seine Ringe ins Meer geworfen - das ist eine berühmte Geschichte, ich weiß aber nicht, ob sie stimmt - und verkündet, er wolle sein Leben ändern und Priester werden. Beim Seminar ist er freilich immer im gelben Cadillac vorgefahren. So hatten es sich seine Lehrer wohl nicht vorgestellt.

Meine Lieblingsanekdote in Ihrer Autobiografie ist, dass Sie in den Sechzigerjahren mit Vorliebe zugedröhnt in den Park gingen, um mit den Bäumen zu sprechen - manchmal hätten die Bäume sogar die besseren Argumente gehabt.

Wir nahmen LSD und gingen in den Richmond Park. Das war großartig, wunderschön. Wissen Sie, 1967 hat die Sonne quasi durchgeschienen. Es war eines dieser Jahre. Es war... wissen Sie, das ist das Problem mit Geschichte. Du musst dabei gewesen sein, um sie zu verstehen. Sonst hast du keine Ahnung. Es war wie auf einem anderen Planeten. Es gab mehr Optimismus. Heute herrschen Pessimismus und Verzweiflung. Zwar haben wir denen da oben auch damals nicht getraut, aber immerhin haben wir auf uns vertraut. Jetzt trauen wir nicht einmal mehr uns selbst. (spricht auf Deutsch:) Scheißewelt.

Mit Ihrer Erfahrung könnten Sie die Debatte heute vielleicht für sich entschieden.

Nicht mit den Bäumen im Richmond Park, die kennen jede Menge Tricks.

Ihre Altersgenossen, die Rolling Stones, haben soeben ihr Konzert zum 50-jährigen Bandjubiläum gegeben.

Ich weiß, aber ohne Bill Wyman sind es für mich nicht mehr die Stones.

Ein Paar Lieder hat er mitgespielt.

Oh ja, aber sie mussten ihn schreiend auf die Bühne zerren. Er hasst die anderen wie die Pest.

Glauben Sie, dass Sie 2015 auch ein Paar hundert Pfund für die Karten für das Konzert zum 40-jährigen Bestehen von Motörhead verlangen können?

Wir sind nicht exakt auf Rolling Stones-Niveau.

Sie spielen den Bass wie eine Rhythmusgitarre. Wie kamen Sie auf diese Idee ?

Ich stand auf der Bühne und hatte nie zuvor Bass gespielt. Da musste ich mir was einfallen lassen. Sie (die Space-Rock-Band Hawkwind) fragten: ,Wer spielt Bass?' Und (der Keyboarder) Dick Mik sagte: ,Der da'. Ich hüpfte also auf die Bühne, (der Saxophonist) Nick Turner drehte sich zu mir und sagte: ,Mach' mal ein paar Geräusche in E'. Also habe ich ein paar Geräusche in E gemacht und bin viereinhalb Jahre geblieben. Heute spiele ich manchmal normalen Bass, manchmal Akkorde. Wenn ich singe, muss ich bescheißen. Du kannst keine Basslinien spielen und gleichzeitig singen. Nachher werden Sie es ja erleben. Ihnen ist klar, dass es laut wird?

Das habe ich mir schon gedacht. Deshalb habe ich Ohrstöpsel mitgebracht.

Das ist nur etwas für Heulsusen. Obwohl ich nie welche getragen habe, höre ich immer noch gut. Und ich stehe immerhin auf der Bühne.

Ich habe gehört, nächstes Jahr soll es ein neues Album geben?

Das habe ich auch gehört. Ich vermute, wir gehen im Februar ins Studio.

Spielen Sie noch mit dem Gedanken, ein Coveralbum zu machen?

Ich habe darüber nachgedacht, aber ich weiß es noch nicht. Vielleicht sollten wir ein Doppelalbum machen. Eines mit Covers und eines mit eigenen Stücken. Aber wer kann sich heute noch ein Doppelalbum leisten?

Würden Sie dann gerne ein Abba-Stück aufnehmen? Sie mögen doch Abba.

Klar, sie haben grandiose Singles. Selbst wenn du Abba hasst, singst du ihre Songs, während du die Straße runterläufst. Ich bewundere das. Aber einen Abba-Song unserem Stil anzupassen, wird schwierig. "Take A Chance On Me" vielleicht...

Mein Lieblings-Abba-Song ist "Fernando". Es ist allerdings ein bisschen schmalzig.

Das macht nichts! Guter Schmalz ist immer noch gut. Deshalb sind sie auch mit diesen Outfits durchgekommen. Sie sahen aus wie verdammte Clowns!

Reden wir über Ihre Texte. Sie beschreiben eher Gefühls- oder Geisteszustände statt abgeschlossene Geschichten zu erzählen?

Kommt darauf an, welchen Text Sie meinen. Manche sind wörtlich zu verstehen, über andere muss man nachdenken.

"Motorhead" zum Beispiel. Den Song schrieben Sie noch für die Space-Rocker Hawkwind, wo Sie 1971 bis 1975 spielten.

"Motorhead" handelt davon, wie ich mich nach drei durchwachten Nächten auf Speed fühlte. Ich borgte Roy Woods eine Gitarre und stand morgens um sieben Uhr wild heulend auf dem Balkon.

Eine Zeile lautet: "We're moving like a parallelogram". Ich frage mich, wie sich ein Parallelogramm bewegt?

Na, seitwärts! Es ist ein Parallelogramm. Was haben Sie erwartet?

Motörhead treten am 5.12. 2012 im Berliner Velodrom auf, ab 18 Uhr (mit Vorband), Paul-Heyse-Straße 26